Auf dem Weg zum Schulbus

Einige von euch wissen es bereits. Ich schreibe aus Edmonton, Alberta, Canada – einer der kältesten Millionenstädte der Welt. Es ist Dienstag, 7. Februar 2017 um 8:40 Uhr local time. Immer noch hat es -26°C (in Worten: sechsundzwanzig Grad MINUS!), obwohl soeben die Sonne aufgegangen ist.

Ich sage es jetzt einmal ganz positiv: Es ist ein Morgen, wie man ihn hier im Westen Kanadas

um diese Jahreszeit oft erleben kann. Saukalt, aber ein stahlblauer Himmel. Wenig Schnee. Nicht mehr als zehn Zentimeter. Aber bester Pulverschnee. Die flach stehende Sonne bringt die Millionen von feinen Kristallen zum Funkeln. Die Farben der unzähligen niedrigen Bungalows wirken satter als sonst. Der rötlich gestrichene Zaun um das Grundstück unserer Tochter bildet einen ganz wunderbaren Kontrast zu dem gleißenden Schnee. Kurz bevor die Sonne aufging, hatten die Häuser alle einen weißlichen Dunst über ihren schneebedeckten Dächern. Es sah aus, als hätte sie jemand mit einem weißen Schleier geschmückt.

Heute Morgen kam noch leichte Hektik auf. Den die Skihose von Talin war nicht aufzufinden. In solchen Fällen wird Opa schnell nervös. Die Eltern waren schon früh aus dem Haus zur Arbeit gegangen. Die Granny schlief noch, was Opa ihr auch gönnte. Denn sie ist tagsüber und abends genug gefordert. Also ist Opa für das Frühprogramm verantwortlich. Das beginnt zwischen 6:00 und 7:00 Uhr und endet exakt um 8:30 Uhr, wenn die beiden Brüder in den Schulbus steigen.

Ich hatte also eine sehr solide Skihose in der Hand, die der Kleine partout nicht anziehen wollte. Unsicherheit führt schnell zu Gereiztheit. So war es auch bei mir in diesem Moment. Ich versuchte nämlich, die Skihose dem Kleinen über die Bluejeans zu ziehen, schließlich zeigte das Thermometer -28°C Außentemperatur an. Aber ich war mir überhaupt nicht sicher, ob das richtig war. Der Kleine wehrte sich jedenfalls heftig.

Nun muss der geneigte Leser wissen, dass ich fünf Minuten vorher schon einmal flagrant gegen die indisch-kanadische Erziehung seines Vaters verstoßen hatte, indem ich ihm das T-Shirt in die Hose reinstopfte, anstatt es wie üblich über die Hose hängen zu lassen.

Ich redete mir selber zu, dass wir schließlich nicht in Indien bei fast 40 Grad PLUS waren, sondern in Kanada bei fast 30 Grad MINUS. Dieser Temperaturunterschied von fast 70 Grad machte mir Mut. Also waren mir gutes Aussehen und Landessitte in dem Moment egal. Als sich Talin zu den Schuhen nach unten bückte, leuchtete mir die gesamte nackte Hüftpartie des kleinen Kerls entgegen. Ich dachte nur noch Nieren, Nieren, Nieren -und setzte mich brachial durch. Mit grimmiger Miene, aber schweigend, gab der Kleine nach.

Und jetzt dieser Mist mit der Hose, die der Kleine nicht über die Bluejeans ziehen wollte. Drei Sekunden lang überlegte ich mir, meine Frau zu wecken, ließ diesen Gedanken aber sofort wieder fallen. Es ist generell „nicht ohne“ für mich, meine Frau morgens (zu) früh zu wecken. Dann als Grund aber nur die eigene Hilflosigkeit anführen zu können und das bei einer Sache, die sie selbst für eine Lappalie hält, das ist gefährlich für mich.

Ich rief also Rohith herbei, meinen zehnjährigen Lieblingsenkel, Freund und Chefassistenten. Er ist normalerweise nicht aus der Ruhe zu bringen. Seine Ruhe färbt eigentlich immer auf Opa ab. So auch dieses Mal.

Doch die Situation auf der Innenseite der Haustür war auch für ihn trotz seiner schnellen Auffassungsgabe nicht sofort durchschaubar. Denn der Kleine brüllte inzwischen wie am Spieß. Langsam ging das Schreien in weinerliches Schimpfen über. Für mich klang das ganze nur entfernt nach Englisch. Aber Rohith hatte schließlich verstanden und klärte mich in gutem Deutsch auf: „Das seien alte Hose von Talin. Neu Hose nicht da, wo normal ist.“

Ach so! Die Jeans darunter waren gar nicht das Problem! In ruhigem Ton erklärte mir Rohith, dass die neuen Hosen im Keller im Trockner seien. Schon rannte er los.

Ich versuchte unterdessen nicht auf die Uhr zu schauen. Doch ich hörte selbige ticken. Auch hier muss der geneigte Leser wieder wissen, dass beim morgendlichen Gang zum Schulbus ein präzises Timing gefragt ist. Fünf Minuten sind es zu laufen, länger als fünf Minuten kann man nicht an der Bushaltestelle stehen. Jedenfalls nicht bei fast MINUS 30 Grad! Klar, oder?!?

Als Rohith mit leeren Händen zurückkam, wurde mir mulmig. Sein Gesicht aber strahlte immer noch Ruhe aus. Sein ganzer Habitus signalisierte Souverenität. Entschlossen griff er zum Telefon, um seine Mutter anzurufen. Die weiß sicher, wo die Hose abgeblieben ist!

Aber sie wusste es offensichtlich nicht. Also die alte Hose wieder über die Jeans gezerrt! Diesmal ohne Geschrei, denn der Kleine hatte mitbekommen, dass Opa jetzt durch Mama legitimiert war.

Die alte Hose war angezogen und Rohith war auch gerade fertig, als das Telefon erneut klingelte. Es war noch einmal die Mutter. Wir sollten zwischen den Jacken der Eltern suchen. – Tatsächlich, dort war die neue Hose.

Also alles noch einmal von vorne. Diesmal war nur der kurze Atem von Opa zu hören und das immer lauter werdende Ticken der Uhr. Dann stürmten die Jungs aus dem Haus. In Rekordzeit machte ich mich winterfest und raste hinterher. Na -ich will ehrlich sein – hechelte hinter her.

Als ich völlig atemlos an der Bushaltestelle ankam, spielten die beiden ausgelassen Schneeball. Der Bus hatte vier Minuten Verspätung, genau die Zeitspanne, um die wir uns verspätet hatten. Und liebe Leute, wie nennt man das? – Richtig, Timing nennt man das!

Noch ein Klaps auf die Schultern der beiden fröhlichen Jungs. Noch ein freundliches Good Morning vom Busfahrer für den German Opa. Dann lief ich beglückt nach Hause. Da soll mal einer sagen, Stress sei nicht gesund!

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